Saitenblick

So erreichen Sie uns

07131 482916 [email protected]

Kaiserstraße 48, 74072 Heilbronn

Artikel Klavier

Notenlesen am Klavier: fünf Fehler, die Anfänger ausbremsen

Jonas Weidmann

5 Minuten Lesezeit

Wer Noten lernt, stolpert oft über dieselben Stellen: Buchstabieren, starre Finger, zu schnelles Tempo. Fünf typische Fehler am Klavier und wie Sie ihnen im Alltag begegnen.

Notenlesen am Klavier: fünf Fehler, die Anfänger ausbremsen

Erster Fehler: jede Note einzeln buchstabieren

Viele Erwachsene lernen Noten wie eine Fremdsprache Buchstabe für Buchstabe: C, E, G, dann die nächste Note. Das funktioniert bei drei Tönen, bei einer ganzen Zeile wird es mühsam, und der Fluss des Stückes geht verloren. Im Unterricht sehe ich das jede Woche, und es hat nichts mit mangelnder Begabung zu tun, sondern mit der Art, wie wir Neues zunächst angehen.

Hilfreicher ist es, Noten als Bewegungen zu lesen: geht die Melodie eine Stufe hoch, springt sie, bleibt sie stehen? Wer Intervalle erkennt, muss nicht mehr jeden Ton benennen. Dazu reicht es, ein paar Orientierungsnoten sicher zu kennen, etwa das eingestrichene C und das G im Violinschlüssel, und alles andere von dort aus abzuleiten.

Üben Sie das zunächst ohne Instrument. Nehmen Sie eine einfache Zeile und sagen Sie nur laut, ob es aufwärts, abwärts oder gleich bleibend weitergeht. Erst danach spielen Sie. Nach wenigen Tagen merken Sie, dass Ihr Blick weiter vorausläuft als Ihre Finger.

  • Zwei oder drei Orientierungsnoten sicher kennen
  • Auf Richtung und Abstand achten, nicht auf Namen
  • Erst mit den Augen lesen, dann spielen

Zweiter Fehler: auf die Hände schauen

Der Blick wandert ständig zwischen Notenblatt und Tasten hin und her. Jedes Mal verlieren Sie die Stelle und müssen sie wiederfinden. Das kostet Zeit und Nerven, und es gewöhnt Sie daran, sich auf das Auge statt auf das Gefühl in den Fingern zu verlassen.

Die Tastatur bietet Ihnen dafür Anhaltspunkte, die Sie ertasten können: die Gruppen aus zwei und drei schwarzen Tasten. Legen Sie die Hände bewusst auf, ohne hinzusehen, und prüfen Sie erst danach, ob Sie richtig liegen. Anfangs ist das unangenehm und langsam, doch es zahlt sich schnell aus.

Ein praktischer Trick: Legen Sie ein dünnes Tuch locker über die Hände, sodass Sie sie nicht sehen. Spielen Sie nur eine kurze Phrase, vier Takte genügen. Wenn es hakt, nehmen Sie das Tuch weg, korrigieren und beginnen von vorn. Zehn Minuten davon am Tag verändern mit der Zeit Ihr Sicherheitsgefühl spürbar.

Dritter Fehler: den Fingersatz dem Zufall überlassen

Der Fingersatz wirkt wie eine Fußnote, ist aber das Gerüst eines Stückes. Wer jedes Mal anders greift, übt im Grunde mehrere Stücke gleichzeitig, und die Hände finden nie eine verlässliche Bahn. Besonders Wiedereinsteiger spielen gern mit dem, was gerade bequem erscheint, und stolpern dann an derselben Stelle immer wieder.

Entscheiden Sie sich für einen Fingersatz und schreiben Sie ihn mit Bleistift ins Heft. Wenn er sich nach einer Woche als unpraktisch erweist, ändern Sie ihn bewusst, aber nicht mitten im Durchlauf. Gerade bei Tonleiterabschnitten und Läufen entscheidet die Wahl des Daumeneinsatzes, ob eine Stelle fließt oder holpert.

Achten Sie außerdem darauf, wo die Hand ihre Position wechseln muss. Vor einem Lagenwechsel hilft es, die Stelle isoliert zu üben: nur die letzte Note vor dem Sprung und die erste danach, immer wieder, bis der Wechsel ruhig und ohne Hast gelingt.

  • Fingersatz mit Bleistift notieren
  • Änderungen nur zwischen den Durchläufen
  • Lagenwechsel getrennt üben

Vierter Fehler: zu schnell und zu lang am Stück

Aus Ungeduld wird ein Stück sofort im geplanten Tempo gespielt, und Fehler schleifen sich ein. Das Gehirn merkt sich auch das Falsche, wenn es oft genug wiederholt wird. Dann kostet es mehr Mühe, eine eingeschliffene Unsauberkeit wieder loszuwerden, als sie von Anfang an zu vermeiden.

Spielen Sie langsamer, als es Ihnen sinnvoll erscheint, bis die Stelle ohne Zögern gelingt. Teilen Sie das Stück in kleine Abschnitte von zwei bis vier Takten und beginnen Sie auch mal in der Mitte, nicht immer am Anfang. So bekommt der schwierigste Teil genug Aufmerksamkeit.

Kurze Einheiten sind besser als ein langer Abend. Zwanzig konzentrierte Minuten an mehreren Tagen bringen mehr als eine Stunde am Sonntag. Hören Sie auf, solange es noch Freude macht, damit das nächste Mal nicht mit Widerwillen beginnt.

Fünfter Fehler: den Rhythmus nebenbei behandeln

Richtige Töne mit falschen Notenwerten klingen trotzdem falsch. Anfänger konzentrieren sich oft so stark auf die Tonhöhe, dass Pausen verkürzt und lange Noten abgebrochen werden. Der Rhythmus wirkt dann unruhig, obwohl jede Taste korrekt getroffen wurde.

Klatschen oder sprechen Sie den Rhythmus zuerst allein, mit einem ruhigen Grundschlag, den Sie mit dem Fuß mitzählen. Erst wenn das sitzt, kommen die Töne dazu. Ein einfaches Metronom auf niedriger Stufe hilft, ist aber nicht zwingend; auch lautes Zählen genügt.

Besonders Pausen verdienen Respekt: Sie sind Teil der Musik und gehören mitgezählt. Wer sie ernst nimmt, bekommt ein Stück, das atmet, und das hört auch ein Laie sofort heraus.

  • Rhythmus erst klatschen, dann spielen
  • Pausen laut mitzählen
  • Metronom langsam einstellen

Was Sie aus alldem mitnehmen können

Keiner dieser Fehler ist ein Zeichen dafür, dass das Klavier nichts für Sie wäre. Sie gehören zum Lernen dazu, und fast alle lassen sich mit kleinen, ruhigen Änderungen im Übealltag beheben. Wichtig ist, nur eine Sache gleichzeitig zu verbessern.

Suchen Sie sich für die kommende Woche einen der fünf Punkte aus und achten Sie nur darauf. Schreiben Sie nach jeder Einheit eine Zeile ins Übeheft: was gelang, was noch hakt. Nach zwei Wochen sehen Sie schwarz auf weiß, dass sich etwas bewegt hat.

Notenlesen ist eine Fertigkeit, die langsam wächst und sich mit jedem bewusst geübten Takt festigt. Wenn Sie nicht mehr buchstabieren, Ihren Fingersatz festlegen, das Tempo zügeln und den Rhythmus ernst nehmen, spielen Sie bald ruhiger und freier. Gönnen Sie sich dabei die Geduld, die Sie einem Kind beim Lesenlernen selbstverständlich zugestehen würden.